Abendlicht und Bildschirme: Was Licht am Abend mit dem Schlaf macht
Warum nicht nur das Smartphone zählt: wie Licht am Abend auf Melatonin und innere Uhr wirkt, was Studien zu Bildschirmen tatsächlich zeigen und was du abends konkret tun kannst.

Das Wichtigste in Kürze
- Licht wirkt über spezielle Sinneszellen im Auge auf die innere Uhr und kann am Abend die Ausschüttung des Hormons Melatonin bremsen.
- Entscheidend ist nicht nur der Bildschirm, sondern das gesamte Licht am Abend – und Menschen reagieren darauf sehr unterschiedlich.
- Gedämpftes Licht vor dem Schlafengehen, ein dunkles Schlafzimmer und viel Tageslicht sind einfache, gut begründete Schritte.
Draußen wird es dunkel, drinnen bleibt es hell: Deckenlampe, Küchenlicht, Fernseher, Smartphone. Für die Augen ist das bequem, für die innere Uhr ein widersprüchliches Signal. Wie stark Abendlicht den Schlaf beeinflusst, ist allerdings differenzierter, als Schlagzeilen über „blaues Licht“ vermuten lassen.
Wie Licht die innere Uhr erreicht
Neben Stäbchen und Zapfen, mit denen wir sehen, gibt es in der Netzhaut besondere lichtempfindliche Nervenzellen. Sie enthalten das Sehpigment Melanopsin, das am stärksten auf kurzwelliges, bläuliches Licht anspricht, und vermitteln einen Großteil der nicht-visuellen Lichtwirkungen: auf den Tag-Nacht-Rhythmus, die Wachheit und das Hormon Melatonin. Melatonin steigt normalerweise am späten Abend an und signalisiert dem Körper: Es ist Nacht. Licht in dieser Phase kann die Melatoninausschüttung unterdrücken und die innere Uhr nach hinten verschieben. Beides kann das Einschlafen erschweren.
Wie empfindlich wir reagieren
In einer Studie mit 55 jungen Erwachsenen halbierte im Gruppenmittel bereits eine Beleuchtungsstärke von rund 25 Lux die abendliche Melatoninausschüttung – weniger, als abends in vielen Wohnräumen üblich ist. Zugleich unterschieden sich die Menschen enorm: Bei der empfindlichsten Person reichten etwa 6 Lux für diese Wirkung, bei der unempfindlichsten waren es rund 350 Lux. Dasselbe Wohnzimmerlicht kann also für zwei Menschen sehr Verschiedenes bedeuten.
Und die Bildschirme?
Viel beachtet wurde eine Studie, in der zwölf junge Erwachsene an fünf Abenden jeweils rund vier Stunden vor dem Schlafen auf einem Tablet lasen – bei maximaler Helligkeit in einem sonst sehr dunklen Raum – und zum Vergleich in einem gedruckten Buch. Nach dem Tablet war die Melatoninausschüttung um gut die Hälfte gedämpft, der Melatonin-Rhythmus um mehr als anderthalb Stunden verschoben, und das Einschlafen dauerte knapp zehn Minuten länger. Die Gesamtschlafdauer unterschied sich nicht.
Im Alltag ist das Bild weniger eindeutig. Ein Expertengremium der US-amerikanischen National Sleep Foundation kam 2024 zu keinem Konsens, ob Bildschirmlicht den Schlaf Erwachsener beeinträchtigt: Gefundene Effekte waren oft klein oder stammten aus wenig alltagsnahen Laborbedingungen. Für Kinder und Jugendliche hielt das Gremium dagegen fest, dass Bildschirmnutzung, besonders die Inhalte vor dem Schlafen, den Schlaf beeinträchtigt. In einer randomisierten Studie mit 167 jungen Erwachsenen unterschied sich der Schlaf insgesamt nicht, ob sie vor dem Zubettgehen das Smartphone mit Nachtmodus, ohne Nachtmodus oder gar nicht nutzten.
Was du abends konkret tun kannst
Ein internationaler Expertenkonsens empfiehlt, das Licht in den drei Stunden vor dem Schlafengehen möglichst gering zu halten, nachts für Dunkelheit zu sorgen und tagsüber für viel Licht, idealerweise Tageslicht. Im Alltag heißt das:
- Licht runterregeln: Schalte abends helle Deckenleuchten aus und nutze wenige, niedrig platzierte Lampen mit warmem Licht.
- Dunkel schlafen: Verdunkelnde Vorhänge helfen; für nächtliche Wege reicht ein schwaches Orientierungslicht.
- Tagsüber Licht tanken: Geh nach draußen, gern schon morgens – mehr dazu im Beitrag Tageslicht und innere Uhr.
- Bildschirme bewusst nutzen: Helligkeit reduzieren und das Gerät in der letzten halben Stunde möglichst weglegen. Auf den Nachtmodus allein solltest du dich nicht verlassen.
- Auf Inhalte achten: Aufwühlende Nachrichten oder Arbeitsmails haben am Vormittag oft den besseren Platz.
Wie daraus eine entspannte Routine wird, zeigt der Beitrag Besser schlafen. Wenn du über längere Zeit erst sehr spät einschlafen kannst, morgens kaum aus dem Bett kommst oder dich tagsüber stark beeinträchtigt fühlst, lass die Ursachen ärztlich abklären.
Quellen & weiterführende Literatur
- Brown TM, Brainard GC, Cajochen C et al. (2022): Recommendations for daytime, evening, and nighttime indoor light exposure to best support physiology, sleep, and wakefulness in healthy adults. PLOS Biology 20(3): e3001571.
- Phillips AJK, Vidafar P, Burns AC et al. (2019): High sensitivity and interindividual variability in the response of the human circadian system to evening light. PNAS 116(24): 12019–12024.
- Chang AM, Aeschbach D, Duffy JF, Czeisler CA (2015): Evening use of light-emitting eReaders negatively affects sleep, circadian timing, and next-morning alertness. PNAS 112(4): 1232–1237.
- Hartstein LE, Mathew GM, Reichenberger DA et al. (2024): The impact of screen use on sleep health across the lifespan: a National Sleep Foundation consensus statement. Sleep Health 10(4): 373–384.
- Duraccio KM, Zaugg KK, Blackburn RC, Jensen CD (2021): Does iPhone night shift mitigate negative effects of smartphone use on sleep outcomes in emerging adults? Sleep Health 7(4): 478–484.


